Kurz erklärt
Die soziale Angststörung ist eine anhaltende, starke Angst vor Situationen, in denen man von anderen beobachtet oder bewertet werden könnte. Im Mittelpunkt steht die Befürchtung, sich peinlich zu verhalten oder sichtbare Angstzeichen wie Erröten oder Zittern zu zeigen und deshalb abgelehnt zu werden.
Ist das noch Schüchternheit oder schon soziale Angst?
Ein verallgemeinertes Beispiel, zusammengesetzt aus vielen ähnlichen Schilderungen: In der Montagsbesprechung geht es reihum, jeder sagt kurz, woran er gerade arbeitet. Noch drei Kollegen, dann ist sie dran. Sie legt sich die Sätze im Kopf zurecht und hört kaum noch, was die anderen sagen. Ihr Gesicht wird warm. „Jetzt sehen alle, dass ich rot werde.“ Als sie an der Reihe ist, spricht sie schnell, schaut auf ihre Notizen und ist nach zwanzig Sekunden fertig. Den Rest des Tages geht sie die Szene wieder und wieder durch. Jedes Stocken wird im Nachhinein größer.
Schüchternheit kennen viele. Man braucht etwas Anlauf, ist in neuen Gruppen zurückhaltend und taut dann auf. Bei einer sozialen Angststörung ist die Angst stärker und hält über lange Zeit an. Situationen werden gemieden oder nur unter großer Anspannung durchgestanden. Typisch sind Reden vor anderen, Gespräche mit Vorgesetzten, Essen oder Schreiben unter Beobachtung, Small Talk auf einer Feier. Den Kern bildet die Befürchtung, sich zu blamieren und von anderen abgewertet zu werden.
Die Folgen reichen oft weit. Manche nehmen eine Beförderung nicht an, weil damit Präsentationen verbunden wären. Andere bleiben Feiern fern und fühlen sich dann einsam. Und mancher trinkt vor einem Anlass ein, zwei Gläser, um ruhiger zu werden.
Was passiert im Kopf, wenn andere zuschauen?
Das kognitive Modell der sozialen Angst nach Clark und Wells erklärt, warum die Angst sich nicht von selbst legt, obwohl die meisten Situationen glimpflich ausgehen.
Am Anfang stehen Annahmen, die man in die Situation mitbringt. „Ich muss immer souverän wirken.“ „Wenn ich rot werde, halten mich alle für unsicher.“ „Wenn man mich wirklich kennenlernt, mag man mich nicht.“ Sobald eine soziale Situation beginnt, springen diese Annahmen an, und die Situation wird als Gefahr bewertet.
Dann wendet sich die Aufmerksamkeit nach innen. Das Modell nennt das selbstfokussierte Aufmerksamkeit. Statt das Gegenüber zu sehen, beobachtet man sich selbst: Wie klingt meine Stimme, zittern die Hände, bin ich rot? Aus diesen inneren Signalen entsteht ein Bild davon, wie man auf andere wirkt. Wer sein Gesicht glühen spürt, sieht sich innerlich knallrot. Dieses Bild hält man für die Wirklichkeit. Was die anderen tatsächlich wahrnehmen, bleibt außen vor, denn dafür ist keine Aufmerksamkeit mehr frei.
Dazu kommt Sicherheitsverhalten. Den Blickkontakt meiden, Sätze vorher auswendig lernen, die Tasse festhalten, damit niemand das Zittern sieht, möglichst wenig sagen, einen Schal tragen. Das soll schützen und bewirkt oft das Gegenteil. Wer sich an der Tasse festkrallt, zittert eher stärker. Wer kaum spricht und nicht in die Augen schaut, wirkt distanziert, und das Gespräch wird tatsächlich steif. Was als Schutz gedacht war, erzeugt genau das, was man befürchtet. Geht alles gut, bekommt das Sicherheitsverhalten den Verdienst: „Gerade noch mal gutgegangen, weil ich mich so gut vorbereitet habe.“
Schließlich das Grübeln. Vorher malt man sich aus, was alles schiefgehen kann. Nachher wird die Situation noch einmal durchgegangen, und weil die Erinnerung auf dem inneren Bild beruht, fällt die Bilanz schlechter aus als das Ereignis selbst.
Wer in Gesellschaft vor allem sich selbst beobachtet, sieht am Ende nur seine Angst und kaum die Menschen, die ihm gegenübersitzen.
Wie lässt sich soziale Angst verändern?
Die kognitive Therapie nach dem Modell von Clark und Wells ist gut untersucht und wird in Leitlinien empfohlen. Ihr Herzstück sind Verhaltensexperimente. Ihre Befürchtungen werden dabei behandelt wie Vermutungen, die man testen kann.
Ein typisches Experiment: Sie führen ein kurzes Gespräch zweimal. Einmal mit Ihrem üblichen Sicherheitsverhalten und der Aufmerksamkeit bei sich selbst. Einmal ohne Sicherheitsverhalten und mit der Aufmerksamkeit beim Gegenüber. Danach vergleichen Sie, wie ängstlich Sie waren und wie Sie vermutlich gewirkt haben. Viele sind überrascht, wie viel leichter sich die zweite Variante anfühlt. Eine Videoaufnahme kann den Eindruck ergänzen. Das Bild, das Sie im Kopf von sich hatten, und das, was die Kamera zeigt, liegen oft weit auseinander.
Später geht es nach draußen. Sie stellen im Laden eine Frage, deren Antwort Sie kennen. Sie verhaspeln sich absichtlich bei einer Bitte und beobachten, wie das Gegenüber reagiert. Sie sprechen in der Besprechung, ohne die Sätze vorher auswendig gelernt zu haben. Jedes Experiment wird vorher geplant: Was befürchte ich, und woran würde ich merken, dass es eintritt? Nachher wird ausgewertet.
Daneben lohnt der Blick auf die Grundannahme. Soziale Angst ist sehr häufig ein Selbstwertthema. Hängt der eigene Wert daran, wie andere einen beurteilen, wird jede Begegnung zur Prüfung. Nach der PKP arbeiten wir deshalb auch an diesem Maßstab. Wer sich weniger über das Urteil anderer definiert, kann einen roten Kopf eher als das nehmen, was er ist. Unangenehm. Aber kein Urteil über die Person.
Was liegt der sozialen Angst zugrunde?
Erröten, Zittern, der leere Kopf in der Besprechung: Das sind die Zeichen, die Betroffene am meisten fürchten. Es sind Symptome. Die Ursache liegt in emotionalen Turbulenzen, die jede Begegnung mit anderen zu einer Prüfung machen.
Angetrieben werden diese Turbulenzen von persönlichen Konzepten, die oft schon seit der Jugend bestehen.
Selbstwertkonzepte. Der eigene Wert hängt am Urteil der anderen. Jede Gesprächspause und jeder Blick wird daraufhin geprüft, ob er Ablehnung bedeutet.
Frustrationsintoleranzkonzepte. Peinliche Momente gelten als unerträglich. Also wird alles gemieden, was peinlich werden könnte, und das Leben wird enger.
Kontroll- und Sicherheitskonzepte. Man möchte vorher wissen, wie ein Gespräch verläuft, legt sich Sätze zurecht und überwacht die eigene Wirkung. Gerade dadurch fühlt man sich steif und unsicher.
Auf diesen Konzepten liegt in der Therapie das Hauptaugenmerk. Wir machen sie sichtbar, prüfen sie im Gespräch und im Alltag und entwickeln tragfähigere Sichtweisen. Lassen die emotionalen Turbulenzen nach, wird die soziale Angst in vielen Fällen deutlich schwächer, weil ihr die Grundlage fehlt.
So arbeite ich
Als Therapeut ist meine Grundlage die kognitive Verhaltenstherapie. Bei sozialer Angst arbeite ich in diesen Schritten:
Erstgespräch
In etwa 45 Minuten schildern Sie, in welchen Situationen die Angst auftritt und was sie Ihnen verwehrt. Für viele ist schon dieses Gespräch eine kleine Mutprobe. Das Erstgespräch kostet 50 Euro.
Situationen analysieren
Anhand konkreter Erlebnisse erstellen wir Ihr persönliches Modell mit Gedanken, innerem Bild, Aufmerksamkeit, Sicherheitsverhalten und dem Grübeln danach.
Grundannahmen und Ziel klären
Wir arbeiten heraus, nach welchem Maßstab Sie sich bewerten, und legen ein Ziel fest, das sich im Alltag überprüfen lässt.
Annahmen prüfen
Im Sokratischen Dialog untersuchen wir Ihre Befürchtungen und die Regeln dahinter. Ich stelle Fragen, statt zu belehren.
Verhaltensexperimente
Wir üben, die Aufmerksamkeit nach außen zu lenken, lassen Sicherheitsverhalten weg und testen Ihre Befürchtungen, erst in der Sitzung, dann im Alltag.
Abschluss und Rückfallvorbeugung
Wir halten fest, was Sie gelernt haben, und überlegen, wie Sie neue soziale Situationen auch ohne Therapie angehen.
Die Praxis liegt in der Lindentrift 36 in Salzkotten und ist aus Geseke, Delbrück, Büren und dem übrigen Kreis Paderborn gut erreichbar. Sitzungen per Video sind möglich. Eine Sitzung dauert 60 Minuten und kostet 120 Euro. Die Gebühren sind von Ihnen selbst zu tragen. Eine Abrechnung mit der privaten Krankenversicherung ist je nach Tarif möglich. Mit gesetzlichen Krankenkassen rechne ich nicht ab.
Häufige Fragen
Ist soziale Angst einfach ein Charakterzug?
Zurückhaltung kann zum Charakter gehören. Eine soziale Angststörung verursacht dagegen deutliches Leid und schränkt das Leben ein. Sie ist gelernt, und was gelernt ist, kann sich auch wieder verändern.
Hilft Alkohol vor schwierigen Situationen?
Kurzfristig dämpft er die Anspannung. Auf Dauer wirkt er wie jedes andere Sicherheitsverhalten, denn der Erfolg wird dem Glas zugeschrieben. Außerdem kann daraus ein eigenes Problem entstehen. Wenn Sie regelmäßig trinken, um Situationen durchzustehen, sprechen Sie das bitte im Erstgespräch an.
Kann die Therapie per Video stattfinden?
Ja, und für manche erleichtert das den Einstieg. Viele Experimente brauchen aber echte Begegnungen, deshalb planen wir sie für Ihren Alltag.
Wie bekomme ich einen Termin?
Termine erhalten Sie über die Online-Terminreservierung von Doctena, indem Sie unter „Besuchsgrund“ einen Termin zum Erstgespräch reservieren. Für mögliche Fragen stehe ich Ihnen gerne auch per E-Mail zur Verfügung.